Das Geheimnis der letzten Pharaonin
Mira stand in der staubigen Bibliothek ihres Großvaters und strich über einen vergilbten Papyrus, als plötzlich eine goldene Münze zu Boden fiel. Darauf war das Gesicht einer wunderschönen Frau mit klugen Augen abgebildet – Kleopatra VII., wie die Inschrift verriet. Miras Großvater lächelte geheimnisvoll. „Du hast gerade das größte Rätsel des alten Ägyptens in der Hand", sagte er. „Lass mich dir erzählen, warum diese Königin die letzte ihres Reiches war."
Kleopatra herrschte von 51 bis 30 vor Christus über Ägypten – eine Zeitspanne von nur einundzwanzig Jahren. Sie war nicht die erste Pharaonin, aber sie sollte die letzte sein. Das Problem lag nicht darin, dass sie unfähig war. Im Gegenteil: Kleopatra sprach neun Sprachen, verstand Mathematik, Astronomie und Philosophie. Sie war eine der intelligentesten Herrscherinnen ihrer Zeit. Das wirkliche Problem war, dass die Welt um sie herum zusammenbrach.
Zur Zeit Kleopatras war Ägypten nicht mehr die unbesiegbare Supermacht, die es Tausende Jahre zuvor gewesen war. Das riesige römische Reich hatte sich wie ein hungriger Löwe ausgebreitet und verschlang Land um Land. Der einstige Pharaonenthron war längst nicht mehr so mächtig wie früher. Ägypten war schwach geworden, zerrüttet von inneren Machtkämpfen zwischen Kleopatra und ihren rivalisierenden Brüdern und Söhnen, die ebenfalls regieren wollten.
Kleopatra war sehr klug. Sie erkannte, dass sie gegen Rom nicht mit Waffen gewinnen konnte. Also nutzte sie ihre diplomatischen Fähigkeiten. Sie verbündete sich zuerst mit dem römischen General Julius Caesar und später mit dem mächtigen Marcus Antonius. Diese Allianzen sicherten Ägyptens Unabhängigkeit für eine Weile – aber sie machten Kleopatra auch von Rom abhängig. Das war ein gefährliches Spiel.
Der Wendepunkt kam 31 vor Christus. Ein neuer römischer Anführer namens Octavian (später Augustus genannt) erklärte Ägypten den Krieg. Die Schlacht von Aktium war verheerend. Marcus Antonius und seine Flotte wurden besiegt. Als Octavian auf Ägypten zumarschierte, erkannte Kleopatra, dass alles vorbei war. Statt sich gefangen nehmen zu lassen und in Rom zur Schau gestellt zu werden, wählte sie einen anderen Weg. Sie starb im Jahr 30 vor Christus – nach historischen Quellen durch einen Schlangenbiss, möglicherweise auch durch Gift.
Damit endete nicht nur Kleopatras Leben, sondern auch die ptolemäische Dynastie, die Familie der ägyptischen Könige. Octavian machte Ägypten zur römischen Provinz – ein Gebiet, das Rom direkt kontrollierte wie jedes andere eroberte Land. Die Pharaonen gab es nicht mehr. Stattdessen entsendete Rom einen Gouverneur, der im Namen des römischen Kaisers herrschte. Die 3000 Jahre währende Tradition der Pharaonen war zu Ende.
Was folgte, war eine völlig andere Art von Herrschaft. Die ägyptischen Götter wurden weniger wichtig. Römische Götter und später das Christentum verbreiteten sich. Die Pyramiden wurden nicht mehr als heilige Grabmäler erbaut. Die prächtige ägyptische Kultur, die seit Jahrtausenden blühte, verblasste langsam unter römischer Herrschaft.
Mira las diese Geschichte mit glänzenden Augen. Sie verstand jetzt, dass Kleopatra nicht an mangelnder Intelligenz oder Tapferkeit gescheitert war. Sie war in einer Welt gefangen, in der mächtige Imperien kleine Länder zerquetschten wie Insekten. Manchmal ist eine Person, egal wie klug oder mutig, nicht genug gegen die Kräfte der Geschichte.
Wusstest du...?
- Kleopatra hatte mindestens vier Ehemänner und Mitherrscher – zwei davon waren ihre eigenen Brüder, was in Ägypten normal war, um die königliche Blutlinie zu bewahren!
- In ihrem Testament bat Kleopatra darum, neben Marcus Antonius begraben zu werden, aber Octavian verhinderte dies. Ihr echtes Grab wurde nie gefunden und ist bis heute eines der größten Rätsel der Archäologie!